Was sind VPNs, warum stehen sie auf der Verbots-Agenda und was hat das alles mit FREIHEIT STATT ANGST zu tun?

Russland schreibt Zensur-Filterlisten für VPNs vor, China entfernt VPN-Apps aus Play und App Store, wenn sie Regierungsvorgaben nicht erfüllen, und Länder wie Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate verbieten VPNs gleich komplett. Was passiert da? Sind es Vorboten einer neuen rigorosen Politik denjenigen gegenüber, die sich bislang der grassierenden Komplettüberwachung zu verweigern verstanden? Und nehmen die genannten autoritären Staaten hierbei nur vorweg, was die demokratischer gesinnten ebenfalls im Sinn haben, aber nicht ad hoc erledigen können?

Was ist ein VPN?

Ein VPN (Kurzform für ‚Virtuelles Privates Netzwerk‘) ist eine eigenständige, abgeschlossene Netzwerk-Infrastruktur innerhalb eines größeren Ganzen, dem Internet. Es nutzt dessen physikalische Hardware wie Leitungen und Anschlüsse, wird selbst aber in erster Linie mithilfe einer Software aufgebaut. Der Anwender nutzt diese Software, die Zugang zu VPN-Servern gewährt, welche ihrerseits dann als Sprungbretter ins Internet dienen. Besondere Kennzeichen sind hierbei der Austausch der IP-Adresse des Surfers auf den VPN-Servern und die komplette Verschlüsselung des Datenverkehrs. Auf diese Weise bleiben sowohl die Metadaten des Internetanwenders (Ziel- und Heimatadresse) als auch die Kommunikationsinhalte lauschenden Dritten vorenthalten.

Warum gibt es VPNs?

Weil das Internet als offenes System konzipiert wurde und im Prinzip jeder beliebige Knotenpunkt abgehört werden kann. VPNs als eigenständige Einheiten hingegen nicht. Immer noch integrale Bestandteile des umfassenderen Internets bieten sie die Möglichkeit, über verschlüsselte Verbindungen ungehindert und unbeobachtet zu kommunizieren, beispielsweise mit ebenfalls abgesicherten Unternehmensnetzwerken für Heimarbeit und den mobile Zugriff auf wichtige Dokumente.

Dieselbe Technik hilft im Zeitalter der Massenüberwachung und kaum gebändigte Datenspionage durch Geheimdienste, Behörden, Regierungen und Wirtschaft private Surfer, ihre Identität zu verbergen; überlebensnotwendig für Dissidenten und Bürger in Unrechtsstaaten, allzu oft leider mittlerweile aber auch notwendig in freien Gesellschaften, die sowohl auf staatliche Überwachung setzen als auch umfassende Datensammlungen durch die Wirtschaft fördern. Der Austausch der IP-Adresse durch einen VPN verschleiert hierbei die Metadaten eines Internetanwenders und macht so die Aufdeckung von Quelle und Ziel unmöglich, während die Verschlüsselung dafür sorgt, dass auch die durch die Leitungen flitzenden Inhalte unerkannt bleiben. Was der spionierenden Seite bleibt, ist a) der Fakt, dass sich ein Anschluss mit einem VPN verbindet und b) die Tatsache, dass es sich bei den untersuchten Datenströme um verschlüsselten VPN-Traffic handelt.

Angenehme Nebeneffekte virtueller privater Netzwerke: Mit VPNs lassen sich in öffentlichen Hotspots in Cafés und Hotels, auf Flughäfen und Bahnhöfen Cyberkriminelle wirksam bekämpfen, da alle Daten und damit auch so empfindliche wie Kreditkarten und Bankkonten unter die Verschlüsselung fallen und damit nicht mehr einsehbar sind. Und nutzt man einen Server, der in einem anderen Land stationiert ist, ermöglicht dessen IP-Adresse den Empfang von ansonsten regional gesperrten Inhalten, bspw. von Streamingportalen.

Wen stört’s?

In erster Linie stören sich erstaunlicherweise die ‚Guten‘ daran, dass sich jeder Bürger relativ einfach vor Nachstellungen schützen kann, also Regierungen, Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden. Von einem VPN-Verbot profitieren würden auch die Werbewirtschaft, die Streamingdienste sowieso, und zieht man verbotenes Filesharing zu den Möglichkeiten hinzu, die ein VPN bietet, im Prinzip auch die gesamte Kreativindustrie, die Urheberrechtsverstöße durch VPN-Missbrauch beklagt. Pikanterweise ebenfalls an Bord der Profiteure: alle Arten von Hackern und Cyberkriminellen – vom Einzelkämpfer im selbst gebauten WLAN-Hotspot bis hin zur organisierten Kriminalität, die Cyberverbrechen längst als neue Einnahmequellen für sich entdeckt haben.

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Wie geht man vor?

Der Verbot von VPNs erfolgt in aller Regel abgestuft nach Land, Regierungsform und Gesellschaft unterschiedlich hart.  Während man in zweifellos autokratischen Gesellschaften wie Saudi Arabien und Iran mit dem Holzhammer operiert und VPNs kurzerhand verbietet, geht man in gut kontrollierten, aber offiziell ‚quasi-offenen‘ Ländern wie Russland etwas vorsichtiger zu Werke und lässt sich zumindest halbwegs seriöse Begründungen und Vorgehensweisen einfallen.

Im Endeffekt in gleicher Richtung zielend, aber etwas subtiler, bemühen sich die freien, meistens westlichen Nationen um Kontrolle der bis dato noch unkontrollierbaren VPN-Dienste und setzen auf bewährte Muster: Mit jeder halbwegs gefährlichen Situation im Lande ertönt der Ruf nach Aufgabe der Anonymität im Internet, garniert mit Halbwahrheiten, platten Lügen und populistischen Totschlagargumenten (‚mit offenem Visier kämpfen‘). Der gravierendste Unterschied zu den autoritär regierten Hauruck-Ländern: Noch zögert man, das VPN-Wort direkt in den Mund zu nehmen und weicht zunächst auf Verschlüsselung im Allgemeinen aus und das sowieso im allgemeinen Bewusstsein kaum verstandene Tor-Netzwerk, um es als Dark-Web-Werkzeug zu diskreditieren.

Beispiel China: Praktische Nüchternheit

China als kommunistisch angemalter Kapitalist duldete VPN-Netze bislang, weil man ausländische Unternehmen zum Aufbau der eigenen Wirtschaft ins Land locken wollte. Die Regierung tolerierte VPNs, damit die angeworbenen Firmen darüber vertrauenswürdige Verbindungen zur Heimat aufnehmen konnten.

Mittlerweile hat sich die Lage gewandelt und die chinesische Zentrale setzt unverhohlen darauf, dass die Zugkraft des heimischen Marktes höher wiegt als eventuelle Bedenken. Soll heißen: Ausländische Unternehmen kommen angesichts der Wachstumschancen im Land der Mitte sowieso und sind (in Grenzen) auch immer noch willkommen, dürfen die Segnungen des hohen Profits aber nur dann empfangen, wenn sie sich an die innenpolitischen Spielregeln halten. Und die lauten mittlerweile: Alle Anbieter von VPN-Software benötigen eine staatliche Lizenz – die ihrerseits nur ausgestellt wird, wenn bestimmte (nicht öffentlich kommunizierte) Vorgaben eingehalten werden.

Nicht autorisierte Netzwerke werden den Buchstaben des Gesetzes nach verfolgt und aus dem Verkehr gezogen. Erste Folge dieses seit Januar 2017 gültigen Gesetzes ist der Verbot diverser VPN-Apps, die Anbieter Apple nach Aufforderung zügig aus seinem chinesischen Appstore entfernte. Für die breite Masse wird es damit um Vieles schwieriger, sich außerhalb der chinesischen Mauer zu informieren oder auch nur sich mit ausländischen Videos und Musik zu unterhalten. Die technikaffinen Mitglieder der chinesischen Gesellschaft können zwar dem Verbot entgehen, indem sie auf Android-Geräte umsteigen und sich APKs verschiedener VPN-Apps besorgen oder sich einen Zugang zum US-Appstore verschaffen. Auf Dauer wird es ihnen aber wenig nutzen, da der nächste Schritt bereits 2018 erfolgen wird. Dann sollen dem Willen der chinesischen Regierung nach die Internetprovider des Landes dazu übergehen, verschlüsselten VPN-Datenverkehr zu blockieren.

Beispiel Russland: VPNs als Werkzeug der Zensur

Staatliche Zensur ist auch in Russland ein Thema, allerdings eines, das weniger Ähnlichkeit zu jener in China aufweist, dafür aber umso mehr zu vergleichbaren Gesetzen im Westen, bspw. dem deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetz.

Eine weitere Parallele: Auch im Land des Bären redet man von angeblich rechtsfreien Räumen im Internet, denen man unter anderem mit einer stattlichen Liste unerwünschter, weil ‚extremistischer‘ Websites begegnet, deren Durchsetzung die Implementierung von Internetsperren gewährleisten soll.

Große Überraschung: VPNs, Proxy-Server und der Tor-Browser ermöglichen eine Umgehung der staatlichen Zensurlisten, weshalb man in der Folge natürlich auch diese mit einem Verbot belegen musste, falls sie die gesperrten Websites erreichbar machen. Für Web-Proxies und Tor kommt das einem direkten Verbot gleich, für kommerzielle Anbieter die Einwilligung in staatliche Kontrolle – was das Gegenteil dessen ist, was einen VPN im Grunde ausmacht: Statt Inhalte und Informationen zugänglich zu machen, zwingt der russische Staat sie, Inhalte ihrerseits ebenfalls zu sperren.

Beispiel freier Westen

Im Gegensatz zu Staaten wie Saudi Arabien, die VPN-Traffic kurzerhand verbieten, oder China und Russland, die mit einer Mischung aus autoritären Entscheidungen und propagandistischer Begleitmusik zu punkten versuchen, steigt der Aufwand an kunstvollem Begründungsbrimborium beim Verbot anonymer Kommunikation im freien Westen stark an.

Dort weicht man zu diesem Zweck gerne auch auf Nebenschauplätze aus und erweitert das Argument der Netzsperren mit Hingabe um zusätzliche Sperren direkt in den Köpfen der Menschen. Der Kampf gegen Fake News und Hate Speech sowie die Einrichtung eines ‚Wahrheitsministeriums‘ besitzt viel Ähnlichkeit zu anderen Grabenkämpfen um die Freiheit des Internets und bedarf in einem weiteren Schritt ebenfalls des Verbots der Anonymität im Netz.

Die Zielsetzung scheint in allen Ländern die gleiche zu sein, der Weg ist in freien Gesellschaften nur etwas länger als im Rest der Welt: Anonymität im Internet ist ein Dorn im Auge der Mächtigen und deshalb muss sie fallen. Noch garantieren zwar öffentliche Lösungen wie Tor und unabhängige VPNs ein Mindestmaß an Waffengleichheit, sie werden aber beharrlich sturmreif geschossen – und je erfolgreicher sie operieren, desto intensiver wird der Kugelhagel, und ob es sie in der bekannten Form auch in ein paar Jahren noch geben wird, ist längst nicht mehr sicher.

Und hier kommen wir alle als Gesellschaft ins Spiel, als Bürgerinnen und Bürger, als Nutzerinnen und Nutzer, als Wählerinnen und Wähler. Wenn erkennbar wird, dass die mühsam verklausulierten Forderungen der jüngsten Zeit zu einem Anonymitätsverbot führen sollen, warum dann mitmachen? Gesetze werden von Menschen beschlossen – und gegen den Willen der Mehrheit ist zumindest in den demokratischen Zonen des Planeten noch kein Kraut gewachsen. Man muss nur den Mut haben, zu erkennen, dass die Richtung nicht stimmt. Als Belohnung winkt FREIHEIT STATT ANGST. Deshalb: DIESEN SAMSTAG IN BERLIN: Demonstrieren gegen Überwachung, gegen Zensur und für unsere Grundrechte.

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CyberGhost VPN - Uli
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